Nachts, Anfang Juni, 13. 2.Z.A. │ die alte Abtei │ @Freya Walsh
Die Juninacht lag schwer über der alten Abtei, als hätte sich die Dunkelheit selbst in den verfallenen Mauern eingenistet. Valerian June Donnelly stand im ehemaligen Kreuzgang, wo einst die Nonnen ihre stillen Gebete verrichtet hatten, und betrachtete die Schatten, die der schwache Mondschein durch die zerbrochenen Fenster warf. Der süßliche Geruch von Verfall hing in der Luft – nicht von Leichen, nein, die waren längst fort. Es war der Gestank einer Welt, die sich selbst aufgab. Seine Stiefel knirschten auf dem mit Schutt übersäten Steinboden, während er langsam durch den Gang wanderte. An der Wand lehnten noch immer die Überreste eines Habit, achtlos hingeworfen in der Panik des Aufbruchs. June streckte die Hand danach aus, doch kaum berührten seine Finger den Stoff, begann dieser zu zerfallen wie Asche im Wind. Dreizehn Jahre waren seit dem Ausbruch vergangen, und die Zeit nagte gnadenlos an allem, was zurückgelassen wurde.
„Sie sind alle geflohen …“, flüsterte eine Stimme neben ihm. June wandte nicht einmal den Kopf. Die junge Novizin, die dort stand – oder vielmehr das, was von ihr übrig war –, begleitete ihn bereits, seit er das Tor durchschritten hatte. Ihr durchscheinender Schleier wehte in einem Wind, den nur sie spüren konnte.
„Ja“, murmelte June und zündete sich eine Zigarette an. Das kleine Aufflackern des Feuerzeugs warf groteske Schatten an die Wände, ließ die Krallenspuren im alten Holz der Türen für einen Moment lebendig erscheinen.
„Aber nicht alle haben es geschafft, nicht wahr?“Die Novizin schwieg, doch ihr trauriger Blick sprach Bände. June folgte ihrer durchsichtigen Gestalt tiefer ins Innere der Abtei. Die Kapelle lag vor ihm, das schwere Holzportal halb aus den Angeln gerissen. Dahinter gähnte Dunkelheit wie ein hungriger Schlund. Er trat ein, und sofort umfing ihn eine Kälte, die nichts mit der Sommernacht zu tun hatte. Umgestürzte Kirchenbänke bildeten ein chaotisches Labyrinth. Gebetbücher lagen verstreut umher, ihre Seiten aufgequollen und unleserlich. An der Wand, wo einst ein Kreuz gehangen haben musste, klafften tiefe Furchen – als hätte sich etwas mit unmenschlicher Kraft daran festgekrallt. June ging in die Hocke und betrachtete die zerrissenen Stoffreste am Boden. Auch diese zerfielen bei der kleinsten Berührung zu Staub.
Dreizehn Jahre, dachte er.
Dreizehn Jahre, und die Welt verschlingt ihre eigene Geschichte.„Warum bist du hier?“, fragte er die Novizin, die neben dem Altar erschienen war. Ihre Lippen bewegten sich, doch kein Laut drang hervor. Stattdessen deutete sie auf eine kleine Tür hinter dem Altar – die Sakristei. June erhob sich, warf die Zigarette fort und trat sie sorgfältig aus. Respekt vor den Toten, selbst in einer gottlosen Welt. Als er die Tür öffnete, schlug ihm ein Geruch entgegen, der selbst ihn zurückweichen ließ. Doch es war nicht der Tod, der hier lauerte. Es war etwas anderes. Etwas, das wartete.
Und June Donnelly war schon immer zu neugierig für sein eigenes Wohl gewesen. Anmerkung: Episodentitel – Requiem for the Forsaken